Wenn ich eine Interior-Marke nenne müsste, die ich am allerbesten finde, die mich am längsten begleitet, die vielleicht sogar meine Liebe zur Inneneinrichtung entfacht hat, dann gibt es nur eine Antwort: Thonet – einer der ältesten Möbelhersteller der Welt.
Es gibt Möbelstücke, die sind mehr als nur schön. Sie erzählen Geschichten, verkörpern Handwerkskunst und prägen ganze Epochen. Thonet ist kein Name, sondern ein ganz großes Kapitel in der Designgeschichte. Seit dem 19. Jahrhundert prägt die Marke das, was wir heute unter moderner Formensprache verstehen – mit einer Mischung aus Innovation, Funktion und zeitloser Eleganz.
Designliebe von klein auf
Ich kann mich noch ganz genau erinnern, als mir meine Mama als Kind den Stuhl No. 14 gezeigt und mir erklärt hat, dass er von der Firma Thonet (sie hat damals „Thoneee“ gesagt ;-)) ist. Oder als ich zum ersten Mal bei meiner Schulkollegin am Esstisch die S 32 Freischwinger gesehen habe und hin und weg war, ohne zu wissen, woher die Stühle kamen. Ich wusste nur, wenn ich groß bin, dann hätte ich gern genau diese Stühle.
Noch während meines Studiums hab ich mir sechs originale No. 18 bei einem Gebrauchtwarenhändler gekauft. Was für eine Investition damals! Und diese über hundert Jahre alten Klassiker begleiten mich immer noch – jedes Mal, wenn wir eine größere Runde sind, kommen sie zum Einsatz.
Vor ein paar Jahren sind dann S 32 Nachbauten eingezogen. Die hab ich ganz günstig secondhand in der Nähe gekauft. Aber ganz glücklich war ich damit nie – sie waren halt einfach keine Originale.
Ich kann euch nicht sagen, wie oft ich in den letzten Jahren folgende Frage auf Instagram bekam: „Woher sind deine Stühle?“ Und jedes Mal war meine Antwort: „Das sind leider nur Nachbauten. Die Originale gibt es bei Thonet.“
Diese Antwort gehört nun endlich der Geschichte an, denn – ich kann es selbst noch nicht ganz glauben – in meinem Esszimmer stehen nun endlich die originalen S 32 und sie sehen nicht nur fantastisch aus, auch der Sitzkomfort ist unvergleichbar!
Die Idee des Freischwingers
Der Freischwinger, also ein Stuhl ohne Hinterbeine, dessen Sitzfläche und Rückenlehne auf einem gebogenen Stahlrohr „schweben“, war in den späten 1920er-Jahren revolutionär. Das Gestell bestand erstmals nicht mehr aus Holz, sondern aus gebogenem, verchromtem Stahlrohr – ein Symbol der Moderne, der industriellen Fertigung und des Bauhaus-Geistes.
„Der S 32 ist für mich der schönste Stuhl der Welt: Seine Konstruktion ist radikal schlicht und dabei von einer Eleganz, die sich jeder Mode entzieht. Stahlrohr, Wiener Geflecht, ein perfekt ausbalancierter Schwung – mehr braucht es nicht, um eine Ikone zu schaffen!“
Oft kopiert, aber nie erreicht
Der Freischwinger von Designer Marcel Breuer (künstlerisches Urheberrecht: Mart Stam) aus dem Jahren 1929/30 gilt heute als einer der ikonischsten Stühle der Geschichte. Dementsprechend oft wird er bis heute nachgeahmt. Optisch oft zum Verwechseln ähnlich, aber im Detail doch so unterschiedlich.
Warum Originale einen Unterschied machen
In einer Welt, in der Designklassiker mittlerweile ständig kopiert werden, ist es verlockend, zu
günstigeren Nachbauten zu greifen. Aber wer einmal ein echtes Original in der Hand hatte, oder besser gesagt, darauf gesessen hat, spürt den Unterschied sofort.
Ein Original ist präziser gefertigt, ergonomischer durchdacht und haptisch unverwechselbar. Die
Materialien altern würdevoll, statt einfach zu verschleißen. Und vor allem: Es steckt Respekt darin – vor dem Entwurf, der Idee und dem Handwerk.
Ich sehe es so: Wenn ich ein Original kaufe, investiere ich nicht nur in ein Möbelstück, sondern in Kulturgeschichte. In ein Stück Design, das bleibt, über Generationen hinweg ♥
„Eine Kopie kann die Form nachahmen, aber nicht das Wesen. Sie bleibt stumm, wo das Original erzählt.“
Die Barhocker von Sebastian Herkner – eine neue Thonet-Ära
Neben den Klassikern liebe ich auch das, was Thonet heute weiterentwickelt. Und deshalb durften bei uns auch noch drei Barhocker von meinem absoluten Lieblingsdesigner Sebastian Herkner einziehen. Er versteht es meiner Meinung nach wie kein anderer, seine Entwürfe einzigartig zu gestalten, jedoch mit Gefühl und Respekt die Designgeschichte des Herstellers einfließen zu lassen.
Auch in der Zusammenarbeit mit Thonet ist ihm das hervorragend gelungen. Das Design der Hocker greift die typische Thonet-DNA auf – mit eleganten Rundungen, präziser Verarbeitung und natürlichen Materialien übersetzen sie den typischen Thonet-Stil in eine moderne Formensprache. Nichts wirkt aufgesetzt oder „retro“. Man erkennt sofort die Handwerkskultur von Thonet und merkt zugleich, dass hier ein zeitgenössischer Designer involviert war.
Die Schönheit des Echten
Zwei Entwürfe, zwei Epochen und doch dieselbe Richtung: ehrliches Design, gefertigt mit einer Konsequenz, die man heute nur selten findet. Die S 32 rund um den Esstisch und die Herkner-Barhocker in der Küche fügen sich so selbstverständlich ein, als wären sie schon immer da gewesen. Ich kann mir nichts vorstellen, was hier besser passen würde. Und nichts, was Jahrzehnte einfach so überdauern kann ohne aus der Zeit zu fallen.
Mein Fazit: Originale sind Haltung
In einer Zeit, in der Trends kommen und gehen, sind Originale wie ein Anker. Sie erinnern uns daran, dass Qualität, Handwerk und Authentizität nichts mit Nostalgie zu tun haben, sondern mit Haltung. Denn ein Original trägt Haltung, die Idee, den Mut und das Können derer, die es entworfen und gefertigt haben, in sich.
Und genau das macht für mich den Unterschied: Ich möchte mich in meinem Zuhause mit Stücken umgeben, die eine Geschichte tragen, nicht mit Kopien davon. Auch wenn das bedeutet, dass ich mir nicht jeden Designwunsch sofort leisten kann, so bekommt er dadurch noch mehr Wertigkeit.
Und am schönsten ist: Jeden Tag mit diesen Klassikern zu leben, ihren Charakter wachsen zu sehen und meinen Kindern beizubringen, wie wertvoll gutes Design wirklich ist.
Lieben Gruß
Lisa
PS: Wer mehr über Thonet erfahren möchte, dem empfehle ich die Folge „#9 Thonet“ vom Podcast „AREA erzählt“. In dieser Episode haben Simon Ladner & Peter Zeitlhofer Percy Thonet zu Gast. Gemeinsam sprechen sie über Klassiker, Kollaborationen mit den größten Architekten und Designern – und darüber, was das Original von Nachahmern unterscheidet. Sehr empfehlenswert!









